Stadtbummel durch Berlin

Montag, 19. Dezember 2011 | Autor:

So bummeln Dichterfreunde nachts durch Berlin: Theodor Fontane beschreibt in einem Aufsatz von 1886 „Cafés von heut und Konditoreien von ehmals“ einen Besuch mit seinem Freund Bernhard von Lepel bei Fiocati, einem Konditor.
Lepel – von Fontane „Landolfo“ genannt, schlägt diesen Besuch vor:

„Wir haben heute den längsten Tag, also die kürzeste Nacht. In zwei Stunden ist Sonnenaufgang; den dürfen wir uns nicht entgehen lassen. Oft kommt man nicht dazu. Wir wollen in den Tiergarten. “

Schokolade Berlin

„Ein bisschen weit.“
„Nun, wir können ja Station machen.“
„Wo?“
„Bei Fiocati “

Widersprechen war nie meine Sache. So steuerten wir denn auf den Mühlendamm zu (damals noch Mühlendammriger als heute), wo Giuseppe Fiocati, hart an der Schlucht artig hier einmündenden Fischerbrücke, seine Konditorei hatte. Die Klänge der Singuhr begleiteten uns durch die Strahlauerstraße hin und über den Molkenmarkt.

Als wir an das Fischerbrückendefilee herangerückt waren, bog Landolfo, mit scharf links, in einen dunklen Torbogen ein und überstieg, während ich folgte, ein nach der Wasserseite hin gelegenes Stück Zaun, hinter dem ein Hof lag. Eigentlich nur ein Loch, voll gestopft mit so furchtbaren Gerümpel, wie man’s nur bei einem italienischen Konditor alten Stils und dritten Ranges vorfinden konnte. Zwischen Topfscherben, Kartoffeln und teils zerbrochenen, teils durchgesessenen Stühlen hin (ich sehe noch einen Kinderstuhl mit einem Loch in der Mitte) gelangten wir bis an die Hinterwand des Hauses, wo Landalfo, der hier wundervoll Bescheid wusste, gegen einen nur angelegten Fensterladen energisch zu klopfen begann. Diesen Laden ohne weiteres aufzuschlagen und hinein zu sehen hatte selbst Landolfo nicht den Mut. Als er das Klopfen dreimal wiederholt hatte, hörten wir:
„Was gibt’s?“ „Ouvrez, Fiocati“ – „Chi?“ – „Landolfo“ – „Ah, il benvenuto“. Wir hörten nun, dass der Schläfer trennen rasch aufstand, und während er seine Toilette machte, der primitivsten eine, wie sich bald zeigen sollte, kletterten wir über das Zaunstück wieder zurück und nahmen Aufstellung in Front des Ladens, der einmal elegant gewesen sein musste, wie die nicht mit Ölfarbe, sondern mit einem weißen Lack gestrichen Fensterkreuze samt Messingsstäben und Gitterwerk deutlich verrieten. Und nicht lange mehr, so gab es drinnen einen Puff, eine Gasflamme ward angezündet, und gleich danach hörten wir, wie mit starker Hand eine mächtige Eisenstange zurückgeschlagen wurde. Dann öffnete sich die Tür, und Fiocati stand vor uns. Hamlets Ausruf, als er seinen Vater auf der Terrasse erscheinen sah, gibt ungefähr das Grauen wieder, mit dem ich auf den Nachtkonditor blickte. Nur die weiße Mütze konnte für standesgemäß gelten; alles andere mochte der Situation, aber sicherlich nicht der Ästhetik entsprechen, am wenigsten den Ansprüchen der Sauberkeit und Dezenz. Er trug rote Plüsch-Pariser samt hechtfarbener Hose, für deren Verbleib an sittlich und gesellschaftlich vorgeschriebenen Stelle nur sein Embonpoint einigermaßen Bürgschaft leistete. Das volle Krausehaar war schön, aber doch auch ängstlich, und ich wäre für Rückzug gewesen, wenn nicht das gutmütige Gesicht mit den klugen und lachenden schwarzen Augen über alles hinweg geholfen hätte.
„Nun , amico, was können wir noch haben?“
„Cioccolata?“
„Bene.“
Und während Fiocati jetzt ging, um aus seiner Küche das nötige herbei zu holen, setzten wir uns an einen Lesetisch in Nähe der Gasflamme, wo die Tagesliteratur, an schmutzige Holzstücke befestigt, auf gestapelt lag: der „Freimütige“, der „Volksfreund“, der „Komet“, Kühnes „Europa“ und vor allem der „Berliner Figaro“. Das war unser Hauptblatt.
Nach diesem Figaro, der sozusagen unser „Moniteur“ war, griffen wir natürlich zuerst. Irr ich nicht, so war es nur ein dreistrophiges Gedicht von Hermann Maron, das uns an diesem Abende zu Gesicht kam und das uns entzückte. Maron war einer der talentvollsten aus dem Kreise, faul und schlaff, und dann plötzlich von einer krankhaften Energie. So schied er auch später aus dem Leben und erschoß, vor nun gerade drei Jahren,43 erst seine Frau, dann sich selbst. Als wir das Gedicht gelesen hatten (der Refrain war: Ich mach ein schwarzes Kreuz dabei), kam Fiocati wieder, im Kostüm unverändert, im übrigen aber mit allem ausgerüstet, was er zur Herstellung der „Cioccolata“ nötig hatte: Napf, um Spiritus hinein zu gießen, und ein Dreifuß mit Rand, in welch letztren ein hohes kegelförmiges Blechgefäß hineinpasste. In diesem Stand ein Quirl. Nun Cioccolata samt Wasser hinein, den Spiritus angesteckt, und 1 min später begann auch schon jenes virtuos Geräusch volle Quirlen, dessen nur ein italienischer Konditor fähig ist. Endlich war alles fertig, und das Blechgefäß samt Quirl erschienen au naturel in unserer Mitte, will sagen gänzlich beraubt jener Ornamentik von Spritzflecken und braunen Rinnen, die das rasende Quirlen mit sich gebracht hatte. Dazu die bekannten Korianderbiskuitchen, aber nicht in der herkömmlichen Dreizahl, sondern übereinander getürmt, pyramidal. Und nun setzte sich Fiocati zu uns, machte den Wirt und war ganz Politik und Literatur.
Eine Stunde betrachten wir so hin, und 2:00 Uhr war vorüber, als wir aus der Gas & Kuchenluft wieder in die Nachtluft hinaustraten, die freilich unterm Mühlendamm und in Tagen der Vorkanalisation alles mögliche, nur nicht frisch war.
„Addio, Fiocati“ – „Addio, Signori“. Und während der Parochialkirchturm aufs neue sein „Üb immer Treu und Redlichkeit“ anstimmte, hörten wir, wie drinnen wieder eingebolzt und die Eisenstange vorgelegt wurde. Der Wächter pfiff, und um St. Nikolai herum lag schon ein Tagesschimmer. „Nun unweigerlich in den Tiergarten. Um 5:00 Uhr ist früh Konzert im „Hofjäger“.

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Thema: Fontane's Berlin & Brandenburg

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